Wenn Begriffe wie Lernbegleiter, Niveaustufen, Ausbau der gymnasialen Oberstufe, Lernentwicklungsberichte, Coaching, selbständiges Lernen, Kompetenznachweise, Lernwegeliste, neue Schulart, binnendifferenzierter Unterricht, Inklusion als gesetzlicher Auftrag und verbindlicher Ganztag durch die Luft schwirren, dann ist eine Gemeinschaftsschule nicht weit.

 

Wenn Fragen auftauchen, ob fehlende Noten die Motivation der Schülerinnen und Schüler gegen Null sinken lässt, ob sich Schülerinnen und Schüler auch ohne großen Arbeits- und Kraftaufwand einfach durchmogeln können, ob im Laufe der Zeit tatsächlich selbständiger gelernt wird, ob die neue Schulart wirklich alle Grundschulempfehlungen abdecken kann und warum Vieles immer noch skeptisch gesehen wird - auch da ist eine Gemeinschaftsschule nicht weit.

 

 

Eingeladen von der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hatten Eltern, Schülerinnen und Schüler, Lehrer und sonstige Interessierte die Möglichkeit, sich mit der Frage auseinanderzusetzen: "Wie geht Gemeinschaftsschule?" Und, wie es Herr Schwarz-Hemmerling, der Rektor der Anne-Frank-Schule, formulierte: "Wann ist eine Gemeinschaftsschule erfolgreich?" Ist es, wenn die Schülerzahlen steigen und steigen, wenn die Akzeptanz der neuen Schulart vermehrt bei den Eltern ankommt, wenn die Schule einen Schulpreis nach dem anderen gewinnt, wenn Lehrerinnen und Lehrer noch mehr zusammenarbeiten, wenn Schülerinnen und Schüler gerne in die Schule gehen oder wenn die Ergebnisse mit anderen Schul(arten) vergleichbar sind?

 

 

Sicher ist: Die neue Schulart muss sich - auch im 6. Jahr der einstigen Starterschulen - weiter finden, muss immer wieder auf den Prüfstand gestellt, muss, um entsprechend arbeiten zu können, angemessen ausgestattet werden - personell, räumlich und sächlich. Immer wieder muss genau hingeschaut werden, ob diese Art des Lernens für das jeweilige Kind tatsächlich geeignet ist - denn es kommt auf das Kind an, was zu ihm passt. Sicher ist auch, dass der enorme Arbeitsaufwand der Lehrerinnen und Lehrer nicht ins Unermessliche steigen darf, dass den handelnden Personen von staatlicher Seite Mittel und Wege zur Verfügung gestellt werden müssen - ganz egal, welche politische Richtung das Sagen hat.

 

Gleichzeitig ist diese Schulart auch eine Chance - eine Chance auf eine gute Durchmischung der Schülerschaft, eine Chance, auf eine spätere Schullaufbahnentscheidung (als nach Klasse 4), eine Chance, jedem Einzelnen eine Stimme zu geben, Verantwortung zu übernehmen, Projekte mitzutragen, miteinander zu feiern und Zutrauen in sich selbst zu schaffen. Sollten Sie an dieser Stelle sagen, dass all diese Dinge auch in anderen Schularten möglich sind - haben Sie nicht ganz unrecht.

 

Wir von der Anne-Frank-Schule wollen versuchen, die Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler als Chance zu sehen, jeden Einzelnen als persönliches Individuum zu begreifen und ihm in vielen persönlichen Gesprächen Wege aufzuzeigen, wie es weitergehen kann. Nicht mehr - aber auch nicht weniger.

 

Nehmen wir uns, wie es der Wunsch von Herrn Schwarz-Hemmerling war, immer neu die Zeit, die Gemeinschaftsschule zu einem selbständigen Boot werden zu lassen - einem selbständigen Boot mit entsprechender Ausstattung und Zeit, Zeit, um Kurs aufzunehmen und den Kurs ständig zu überprüfen.

 

Bernhard Späth